Tagung

Freitag – 3.06.2016 – 10-18 Uhr

Podewil, Klosterstraße 68, 10179 Berlin

 

Kurzinfo und Anmeldung

In thematischen Workshops und Impulsvorträgen wird ausgehend von wichtigen Grundbedürfnissen wie Arbeit, Bildung und Wohnen diskutiert.
Die Veranstaltung ist kostenlos. Essen und Trinken müssen bezahlt werden. Die Räumlichkeiten sind leider nur bedingt barrierefrei.

Nähere Angaben unter Tel: +49-30-24749-700 (Pforte)
Anmeldung zur Tagung ist abgeschlossen.

Download Tagungsübersicht hier.

Workshop-Phase I (ab 11:30)
  • Schule
  • Recht auf Wohnen
  • Selbstorganisation von Refugees – Zwischen Empowerment und Intersektionalität (auf engl.)
  • Boat People und Rassismus gestern und heute: Vietnamesische Refugee-Geschichten in künstlerischen Selbstpräsentationen
  • Hochschule
Workshop-Phase II (ab 14:30)
  • Archive: Dokumentieren, Sammeln und Sichtbar machen
  • Jugendproteste
  • Zugänge zum Arbeitsmarkt
  • Kunst und Aktivismus
  • Strategie für mehr Diversität in Kultureinrichtungen

Ablauf Tagung

9:00        Anmeldung

10:00       Begrüßung

10:15        Grußwort

10:30       Keynote – Sinthujan Varatharajah

“Selbstorganisationen –  What’s up with that?”

11:30        Workshop-Phase I

13.30        Mittagspause

14:30        Workshop-Phase II

16:30        Pause

17:00        Abschlusspräsentation

18:00        Lounge im Foyer

WORKSHOP  (Vormittags)
Schule

Dass das deutsche Bildungssystem Chancenungleichheit produziert, wurde spätestens seit der PISA-Studie deutlich. Insbesondere Kinder und Jugendliche aus einkommensschwachen Haushalten und mit eigener oder familiärer Migrationsgeschichte sind von Diskriminierungen betroffen. Für Menschen im Asylverfahren wirken sich diese Ausschlüsse noch drastischer aus. Der derzeitige Bildungsdiskurs richtet sich allerdings vornehmlich darauf aus, Schüler*innen in das Bildungssystem zu integrieren, als dieses diskriminierungskritischer zu gestalten. Im Workshop werden anhand zweier Projekte Ansätze und Modelle dargestellt, wie Diskriminierung sichtbar gemacht und nachhaltige Zugänge für tatsächliche Chancengleichheit geschaffen werden können.

Mit: Maryam Haschemi Yekani (Berliner Netzwerk gegen Diskriminierung an Schule und Kita), Nevroz Duman (Jugendliche ohne Grenzen/Kampagne “Recht auf Bildung”), Moderation: Tugba Tanyilmaz (I-Pad – Initiative Intersektionale Pädagogik)

WORKSHOP (Nachmittags)
Archive – Dokumentieren, Sammeln und Sichtbar machen

Archive sind Orte, an denen Erfahrungen und Erinnerungen dokumentiert, in Wissen übersetzt und damit Teil des kollektiven Gedächtnisses werden. Die Geschichten, Perspektiven und Kämpfe marginalisierter Communities tauchen jedoch in der kanonisierten Geschichtserzählung kaum auf und sind damit auch nicht Teil des gesellschaftlichen Selbstverständnisses. Wie an der aktuellen Migrationsdebatte deutlich wird, werden die bisherigen Erfahrungen und Praktiken von Menschen mit Fluchtgeschichten der vergangenen Jahrzehnte kaum einbezogen, deren Wissen nicht abgefragt. Wie können diese Formen der Unsichtbarmachung durch Sammlung alternativen Wissens überwunden werden? In diesem Workshop stellen verschiedene Projekte ihre Archive vor: Warum und mit welcher Idee wurden die Archive gegründet? Welche Sammlungsmethoden und Auswahlkriterien werden verwendet? Wer nutzt die Archive? Eine Spurensuche.

Mit:  Bengü Kocatürk-Schuster (Domid – Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland, Köln), Mara Nombamba (Each One Teach One), Moderation: Ozan Keskinkılıç (Politikwissenschaftler)

WORKSHOP (Vormittags)
Hochschule

An vielen Universitäten werden derzeit Gasthörer*innenschaften für asylsuchende Studierende angeboten. Aber welche Perspektiven haben diese tatsächlich, wenn sie unter die sogenannte “Ausländerquote” fallen und damit nur eine 5 %ige Wahrscheinlichkeit besteht, einen Studienplatz zu bekommen? Gleichzeitig werden bereits erbrachte Studienleistungen und Abschlüsse nur teilweise oder gar nicht anerkannt. Darüber hinaus hören Diskriminierungen nicht bei der Immatrikulation auf, sondern schreiben sich in der Institution fort: In Form von Alltagsrassismus, aber auch im Lehrplan. Welches Wissen wird an deutschen Universitäten vermittelt und welches bleibt unsichtbar? Im Workshop stellen mehrere Initiativen ihre Kampagnen und Forderungen vor: gleichberechtigte Hochschulzugänge für Menschen im Asylverfahren und Antidiskriminierungsarbeit auf dem Campus.

Mit: Deemah Taizari (Recht auf Uni), Emine Aslan & Makda Isak (#CampusRassismus, Mainz, Frankfurt a. M.), Ulf Aminde (*foundationClass – Weißensee Kunsthochschule), Moderation: Saboura Naqshband (Sozialwissenschaftlerin)

WORKSHOP (Nachmittags)
Jugendproteste

Mitten in der Ausbildung, also in der entscheidenden Phase des Bildungswerdegangs im Asylverfahren zu stecken, ist  für viele Jugendliche und junge Erwachsene mit all den dazu gehörigen Problemen Lebensrealität. Gleichzeitig sind junge Menschen zu sichtbaren Akteur*innen der Refugee-Protestbewegung der vergangenen Jahre geworden: Jugendliche mit Fluchtgeschichte organisieren sich selbst und stellen Forderungen.  Viele ihrer Mitschüler*innen haben sich in den letzten Jahren mit ihnen solidarisiert, etwa in Form von Schulstreiks und anderen Protesten. Wie lassen sich solidarische Bündnisse schließen? Ein Gespräch auf Augenhöhe zwischen Jugendlichen und jungen Erwachsenen.

Mit: Khaled Davrisch (Jugendliche ohne Grenzen), Refugee Schulstreik Berlin, Moderation: Jasmin Ibrahim & Dalia El-Heit (Jugentheaterbüro Berlin)

WORKSHOP (Vormittags)
Recht auf Wohnen

Obwohl Wohnen ein grundsätzliches menschliches Bedürfnis ist, ist das Recht darauf nicht im deutschen Grundrecht verankert. Besonders deutlich ist dies in den problematischen Unterbringungsformen für Asylsuchende zu sehen. Massenunterkünfte, Zeltlager und marode Gebäude sind eher die Regel als die Ausnahme. Gleichzeitig wird der soziale Wohnungsbau weiter abgebaut und drängt einkommensschwache Haushalte an die Ränder der Stadt.

Besonders Menschen mit Flucht- und Migrationsbiographien sind aufgrund von Ausschlüssen im Bildungs- und Arbeitssektor zusätzlich von Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt betroffen. In diesem Workshop werden Forderungen nach notwendigen Gesetzesänderungen für bezahlbaren Wohnraum sowie Formen und Strategien des dezentralen Wohnens thematisiert.

Mit: Fatma Cakmak & Ahmet Tuncer (Kotti & Co.), Barbara Caveng & Dachil Sado (Kunstasyl), Mareike Geiling (Flüchtlinge Willkommen), Moderation: Bahar Sanli (Kommunikationswissenschaftlerin)

WORKSHOP (Nachmittags)
Zugänge zum Arbeitsmarkt

Im Spannungsfeld zwischen Arbeitsverbot und Fachkräftemangel ist der Zugang zum Arbeitsmarkt für Asylsuchende stark reglementiert. Zusätzlich zeigen internationale Untersuchungen, dass Nachkommen aus Einwandererfamilien generell stärker von Diskriminierung betroffen sind. Wie können jenseits der Verwertbarkeitsdebatte nachhaltige  Strukturen  und Plattformen zur Arbeitsvermittlung geschaffen und Qualifizierungsprogramme entwickelt werden, die Zugänge zu Beschäftigungsverhältnissen oder Wege in die Selbstständigkeit  ermöglichen?

Mit: Sarah Ahmed (Migrationsrat Berlin Brandenburg e.V.), Lucía Muriel (Isi e.V. – Initiative Selbständiger Immigrantinnen), Moderation: Magdalena Benavente (Migrationsrat Berlin Brandenburg e.V.)

WORKSHOP (Vormittags)
Selbstorganisation von Refugees – Zwischen Empowerment und Intersektionalität (auf engl.)

Die Nachwirkungen des sogenannten Asylkompromisses Mitte der 1990er verschärften die soziale Situation von Asylsuchenden und drängten sie weiter an die gesellschaftlichen Ränder. Um ihre Lebensbedingungen zu verbessern und sich Zugänge zu verschaffen, organisierten sich Asylsuchende in Gruppen und brachten gemeinsam ihren Protest in die Öffentlichkeit. Die bundesweit organisierten Karawanen-Touren Ende der 1990er Jahre wurden jedoch von der breiten Masse kaum wahrgenommen; bis auf die Unterstützung vereinzelter aktivistischer Gruppen erlebten sie zumeist Entsolidarisierung. Erst der Refugee-Fußmarsch 2012 und das Protestcamp auf dem Oranienplatz konnte die Forderungen der Asylsuchenden auf die alltagspolitische Agenda bringen. In den vergangenen Jahren machten feministische- und LGBTIQ*-Refugee-Selbstorganisationen auf die spezifischen Lebenserfahrungen von Asylsuchenden aufmerksam, die von Mehrfachdiskriminierungen betroffen sind. Wie können jenseits fremdbestimmter Eingriffe der Mehrheitsgesellschaft selbstbestimmte Räume und Strukturen geschaffen werden, um die Ausschlüsse und Diskriminierungen in ihrer Gänze zu benennen und abzubauen?

Mit: Madeleine Madima Mawamba (Women in Exile), Ahmed Awadalla (Refugee-Aktivist),  Miloud Lahmar Cherif (The Voice, Jena), Moderation: Denise Garcia Bergt (International Women Space)

WORKSHOP (Nachmittags)
Kunst und Aktivismus

Als die Wiener Volxtheaterkarawane, ein solidarisches Bündnis von Künstler*innen, Aktivist*innen und Sans-Papiers, Ende der 1990er Jahre und in den frühen 2000er Jahren mit künstlerischen Mitteln versuchte, auf die Situation von Asylsuchenden in Europa aufmerksam zu machen, stieß  das Thema bei etablierten Kulturinstitutionen zumeist auf Desinteresse. Lediglich in linken, aktivistischen Kontexten wie den zahlreichen “No-Border-Camps” ließen sich die Forderungen der Refugee Bewegung formulieren. Dort wurde gemeinsam und in unterschiedlicher Form gegen die Einführung der Dublin II-Verordnung protestiert, denn mit Blick auf deren Inhalte war bereits absehbar, wie sich die problematische Situation von Asylsuchenden zuspitzen würde.

In den vergangenen Jahren trat die selbstorganisierte Theatergruppe um den Refugee Club Impulse als wichtiger Akteur auf die Bühne, als eins der ganz wenigen Projekte, das eine wirklich selbstbestimmte Repräsentation von Refugees im Kunstkontext vertritt. Selbstorganisationen arbeiten bereits seit Jahrzehnten daran, wie Menschen mit Fluchterfahrung in der Kunst ihren eigenen Raum und Ausdruck finden können, statt nur als Kulisse für das soziale Engagement etablierter Künstler*innen zu dienen.

Spätestens seit das 10-Punkte-Programm der australischen RISE-Refugee-Bewegung viral wurde, stellen sich nun auch viele der großen Institutionen diese Frage. Mit beiden Projekten werfen wir in diesem Workshop einen Blick zurück, um die gegenwärtige Entwicklung in der Kulturlandschaft besser verorten zu können.

Mit: Samee Ullah (My Right is Your Right/Refugee Club Impulse), Gin Müller u.a. (Volxtheaterkarawane, Wien), Moderation: Azadeh Sharifi (Kulturwissenschaftlerin)

WORKSHOP (Vormittags)
Boat People und Rassismus gestern und heute: Vietnamesische Refugee-Geschichten in künstlerischen Selbstrepräsentationen

In der aktuellen Narration scheint die Zunahme fluchtbedingter Migration ein ganz neues Phänomen zu sein. Tatsächlich aber hat es ähnliche Migrationsbewegungen in der jüngeren Geschichte immer wieder gegeben. Eine der ältesten Refugee-Communities in Deutschland ist die vietnamesische Community, deren Erfahrungen in vielen Dingen beispielhaft sind für den Verlauf der öffentlichen Diskurse über Asylsuchende: von der Diskussion über Hilfsbedürftigkeit über spätere Illegalisierung bis hin zur Vorzeigeminorität. In der künstlerischen Aufarbeitung der Themen Flucht und Migration dominiert meist ein Opferdiskurs, selten haben Menschen mit Fluchtbiografie die Möglichkeit in Eigenregie eine künstlerische Übersetzung für ihre Perspektiven und Geschichten zu finden. Der Schauspieler und Regisseur Dan Thy Nguyen zeigt einen Ausschnitt aus seiner Performance ‚Denken was Tomorrow‘, die ausgehend von der Geschichte seiner Eltern Erfahrungen von Flucht, Asyl und Rassismus thematisiert. Daran anschließend wird der Künstler mit dem Politikwissenschaftler Kien Nghi Ha ein Gespräch führen.

Mit: Dan Thy Nguyen (Schauspieler & Regiesseur), Kien Nghi Ha (Politikwissenschaftler)

Vor dem Hintergrund der eigenen Geschichte reflektiert der junge Theatermacher Dan Thy Nguyen in seinen Stücken „Das Sonnenblumenhaus“ und „Denken was Tomorrow“ verschiedene Facetten der Flucht und Arbeitsmigration von vietnamesischstämmigen Menschen. Ihr Weg führte sie den 1970er bis in die 1990er Jahren nach Deutschland, wo sie sich mit gewaltförmigen Formen des Rassismus auseinandersetzen mussten.

In seinen Stücken formuliert von Danh Thy Nguyen schmerzhafte Fragen der Erinnerung und Repräsentation und konfrontiert uns mit den unausgesprochenen Traumata, die mit den Überlebensgeschichten der der vietnamesischen Boat People in West- wie der Vertragsarbeiter*innen in Ostdeutschland nach der deutschen Wiedervereinigung verbunden sind.

Das Sonnenblumenhaus

Ein Ausschnitt aus dem Hörspiel über das Pogrom von Rostock-Lichtenhagen 1992

Hunderte Nazis und tausende applaudierende Zuschauer belagern die Aufnahmestelle für Asylbewerber und ein Wohnheim für vietnamesische Vertragsarbeiter. Auf dem Höhepunkt des Pogroms zieht sich die Polizei zurück und lässt die Belagerten im Sonnenblumenhaus schutzlos zurück. Der 10 minütige Ausschnitt aus dem Hörspiel basiert auf Zeitzeugenberichte der Belagerten und es wird darum gehen, dass die sogenannte „Unversehrtheit der Vertragsarbeiter nach dem Pogrom kein glücklicher Zufall gewesen ist, sondern ein aktiver Kampf ums Überleben.

 

Denken was Tomorrow

Ende der Siebziger kommen die ersten Geflüchteten aus Vietnam in die Bundesrepublik. Als Boat People trieben sie auf dem Meer, in der Hoffnung gerettet zu werden. Die Familie von Dan Thy Nguyen gehört ebenfalls zu diesen Menschen. In dieser Sprechperformance geht es um die persönliche Geschichte der Eltern des Künstlers, ihre Kriegserfahrungen und Flucht, aber auch um die erste Zeit in Deutschland, den Aufbau eines Lebens und Rassismus. Hierbei wird es ganz klar um den Wissensaustausch von Migrationserfahrungen gehen und die Thematisierung von Geschichten sein, welche tabuisiert bzw. gewöhnlich von einer Mauer des Schweigens umringt sind.

WORKSHOP (Nachmittags)
Strategien für mehr Diversität in Kultureinrichtungen

Spätestens seit dem politischen Eingeständnis, dass Deutschland eine Einwanderungsgesellschaft ist, wurde auch die Forderung nach der Repräsentation von Vielfalt in Institutionen laut. Während im Moment Asylsuchende als Performer und Tourguides gefragt sind, wird im Kontrast dazu um so deutlicher, wie wenig divers etwa Kulturinstitutionen bis heute aufgestellt sind und dass unterschiedliche kulturelle Erfahrungen bisher kaum dort vertreten sind.

In Kulturinstitutionen, an Orten also, an denen gesellschaftliches Selbstverständnis gebildet wird, hat es lange eine verstärkte Abwehr gegen eine Öffnung der homogenen Zusammensetzung von Programm und Personal gegeben. Nur langsam und zumeist auf Initiative von marginalisierten Communities entstehen Räume für Veränderung. Wie kann ein nachhaltiger struktureller Wandlungsprozess in Gang gesetzt werden, der dazu führt, dass gerade auch in der Kulturarbeit die Gesellschaft in all ihrer Diversität repräsentiert wird? In diesem Workshop stellen mehrere Institutionen Leerstellen,  Modelle und Ansätze der interkulturellen Öffnung vor.

Mit: Kwesi Aikins (Vielfalt entscheidet), Lena Nising (W3 – Werkstatt für Internationale Kultur und Politik, Hamburg), Timo Köster (Zukunftsakademie NRW, Bochum), Moderation: Emilia Roig (Politikwissenschaftlerin)