Kritisch statt „bunt“

Cordula Kehr

Kritisch statt „bunt“: Vorschläge zum Perspektivwechsel

 

O – I – N – R – V – E – E – T – I – T – N – N – E – N

So etwa sind die Buchstaben auf dem Plakat angeordnet, das für das Tagungs- und Festivalformat der Kulturprojekte Berlin wirbt. Zumindest, wenn man der im Deutschen üblichen Leserichtung von links nach rechts und von oben nach unten folgt. Damit aus OINRVEETITNNEN das Wort INTERVENTIONEN wird, müssen die Buchstaben in eine neue Reihenfolge gebracht werden. Ein Blick auf das Plakat zeigt: Die Interventionen 2017 forderten zum Perspektivwechsel auf.

In ihrem dritten Jahr luden die Interventionen mit dem Thema »Diversity in Arts and Education« zur Auseinandersetzung mit diskriminierenden Strukturen im Kulturbetrieb ein. In Vorträgen, Panels und Workshops konnten Kulturschaffende u.a. dekoloniale Perspektiven und alternative Ansätze der Wissensproduktion für die Kunstpraxis kennenlernen, die Ausschlüsse unterrepräsentierter Akteur*innen reflektieren, sich austauschen und vernetzen. Was hat sich aus dem vielfältigen Engagement der Kulturschaffenden im Willkommenssommer 2015 entwickelt? Wie schaffen wir es, dass der Kulturbetrieb sich öffnet und auf allen Ebenen die gesellschaftliche Vielfalt widerspiegelt?

Nun, zum Beispiel, indem wir hier und jetzt anfangen, schien die Devise der Interventionen zu sein. Die Diversität der Akteur*innen auf den Podien, in den Workshops und hinter dem Rednerpult stand in augenscheinlichem Kontrast zu dem, was man von Diskussionsveranstaltungen an Stadttheatern und anderen Kulturinstitutionen gewohnt ist: Menschen mit Behinderung, People of Color und queere Menschen (insbesondere Transpersonen und genderqueere Menschen) glänzen hier oft durch unfreiwillige Abwesenheit. Ach, seien wir ehrlich, Frauen oft auch. Wieso eigentlich? Warum tun sich gerade Institutionen mit der Diversität so schwer?

Um diese Frage nicht zu einer rhetorischen zu machen, widmeten sich gleich mehrere Panels der Interventionen den Unterschieden und dem Zusammenspiel von Kulturpolitik, Kulturinstitutionen und selbstorganisierten Projekten: Wo existieren strukturverändernde Ansätze zur Diversifizierung bereits? Wo fehlen Anreize und Impulse für mehr Diversität?

Der Willkommenssommer sei wie ein typischer deutscher Sommer zu schnell vorbei gewesen, konstatierte Ahmed Shah beim Eröffnungspanel KULTURELLE BILDUNG IM KONTEXT ASYL trocken. Mit seinem Mitstreiter vom Club Al-Hakawati Mohammed

Kello und weiteren Vertreter*innen selbstorganisierter Projekte diskutierte er darüber, wie Kunstprojekte mit Geflüchteten und Asylsuchenden in Folge des Willkommenssommers umgesetzt wurden und mit welchen Ausschlüssen Geflüchtete und Asylsuchende im Kulturbetrieb konfrontiert sind. Dabei zeichnete sich schnell ab, dass die selbstorganisierten Projekte, weil sie von Menschen mit Flucht- und/oder Migrationserfahrung initiiert wurden, kulturelle und politische Arbeit miteinander verbinden. Eine Verbindung, die im deutschen Kulturbetrieb häufig auf Unverständnis trifft oder unter den Vorzeichen engagierte Kunst vs. L’art pour L’art diskutiert wird. Im Kontext Asyl verschärfe sich diese alte Debatte allerdings: Künstler*innen, die sich nicht explizit politisch positionieren, aber in ihren Projekten mit Geflüchteten und Asylsuchenden arbeiten, nähmen die Lebensrealität der Projektteilnehmer*innen nicht ernst. Kunstprojekte, die versuchen, Geflüchtete so weit wie möglich auf Augenhöhe einzubinden, müssten sich politisch positionieren, so die Vertreter*innen der selbstorganisierten Projekte auf dem Podium. Schließlich sei künstlerische Arbeit mit Menschen mit Fluchterfahrung überhaupt erst möglich, wenn ihre Grundbedürfnisse erfüllt seien. Auch Kunst, die sich apolitisch gebe, sei politisch und müsse sich der Frage nach ihrer gesellschaftlichen Verantwortung stellen, meinte deswegen Samee Ullah von der CommUnity Carnival Gruppe. Während Mohammed Kello am Ende der Diskussion keine Hoffnung mehr in Kulturinstitutionen und Kulturpolitik setzen wollte, plädierte die Schauspielerin und Theatermacherin Sandra Selimović hingegen dafür, die Öffentlichkeit der großen Institutionen zu nutzen, um in die Gesellschaft hineinzuwirken, und Ferdos Mirabadi vom Verein kargah forderte die Politik auf, die selbstorganisierte Arbeit stärker anzuerkennen und wertzuschätzen.

Die Frage, was Kulturpolitik und Kulturinstitutionen bewirken können, um Diskriminierungen im Kulturbetrieb entgegenzuwirken, stand beim Panel BOTTOM UP UND TOP DOWN im Mittelpunkt, das sich auf die kulturpolitische Arbeit der Kommunen bzw. Länder konzentrierte und ihre Strategien und Erfahrungen bei der Diversitätsentwicklung zur Sprache brachte. Grundsätzlich, darüber waren sich Laura Helen Rüge (Behörde für Kultur und Medien Hamburg) und Dr. Petra Winkelmann (Kulturamt Düsseldorf) einig, seien viele Kulturinstitutionen am Thema Diversität interessiert, häufig fehle ihnen aber das Wissen, um einen umfassenden Diversifizierungsprozess durchzuführen. Auch Lena Prabha Nising, Projektmanagerin im Projekt [in:szene] der Hamburger Werkstatt für internationale Kultur und Politik e.V. (W3), teilte diese Meinung. Viele Institutionen träten an die W3 heran, weil sie für ihre Diversitätskompetenz bekannt ist. Allerdings wünschten sich die Institutionen meistens nur mehr Publikum. Die W3 bzw. das Projekt [in:szene] böte deshalb u.a. Beratungsworkshops an, die dafür sensibilisieren, dass erst eine Öffnung der Institution auf Ebene des Personals und des Programms ein diverseres und damit größeres Publikum anzieht. Auch in Düsseldorf stieß das Modellprojekt des Kulturamts zur interkulturellen Öffnung auf Interesse: einige Institutionen verpflichteten sich freiwillig zur Teilnahme. Finanzielle Anreize würden nicht gegeben, so Dr. Petra Winkelmann, dafür aber Beratung und Unterstützung angeboten. Mit dieser Hilfestellung müssen die Institutionen dann aus ihrem Regelangebot ein Projekt mit Diversitätsschwerpunkt entwickeln. »Zu wenig!«, wurde aus dem Publikum kritisiert, doch Dr. Petra Winkelmann hielt dem entgegen, dass die Bedingung, das Projekt aus dem Regelangebot zu entwickeln, hausintern zur Umverteilung von Ressourcen führe. À propos Umverteilung: Mehr Druck auf die Kulturinstitutionen wollen aktuell weder Düsseldorf noch Hamburg ausüben – es wäre schließlich denkbar, die finanzielle Förderung an bestimmte, Diversität‑fördernde Bedingungen zu knüpfen. Schade! Denn freiwillige Verpflichtungen – wir kennen das von der Frauenquote – sind im schlechtesten Fall zahnlose Tiger, im besten Fall äußerst langwierige Prozesse, insbesondere wenn Kompetenzzentren wie das Projekt [in:szene] nur auf drei Jahre angelegt sind.

Die Schwierigkeit, im Kulturbetrieb nachhaltig zu arbeiten, war beim Panel BEEN THERE, DONE THAT! von Anfang an Thema: Drei Institutionen, die aus  Communitykontexten entstanden sind, sollten auf dem Podium sitzen und über ihre Erfahrungen beim mühseligen Prozess der Institutionalisierung sprechen. Doch Philippa Ebene von der Werkstatt der Kulturen war aus Protest über die unsichere Weiterfinanzierung der Werkstatt ab 2018 nicht erschienen. Eigentlich wäre damit schon alles über die nachhaltige Förderung unterrepräsentierter Perspektiven im Kulturbereich gesagt gewesen. Welche Ironie, dass Aykan Safoğlu und Heiner Schulze vom Schwulen Museum* das Panel dann eröffneten, indem sie von den Anfängen ihres Museums erzählten: Die mangelnde Sichtbarkeit schwuler Themen war der Auslöser für die Gründung gewesen. Was es bedeutet, wenn die eigene Perspektive nicht gezeigt wird, das wird vielleicht gerade im Museumskontext verständlich. Hier werden Betrachter*innen immer wieder in die Lage versetzt, sich selbst in Bezug zu den Exponaten zu setzen und damit einen neuen Zugang zur eigenen Geschichte und zur Welt zu finden. Während die Homosexualität_en Ausstellung 2015 in Berlin für viele Homosexuelle (aber nicht nur) ein Meilenstein war, weil sie unter anderem homosexuelle Geschichte als Teil der bundesdeutschen Geschichte im Deutschen Historischen Museum ausstellte, fehlte für Aykan Safoğlu dabei die queer-migrantische Perspektive. Seine Antwort: Die Ausstellung »ğ – das weiche g«, in deren Mittelpunkt der künstlerische Austausch queerer Menschen aus Berlin und Istanbul stand. Die Ausstellung wurde ein großer Erfolg!

Vielleicht ist das das Wichtigste, was sich von den Interventionen 2017 mitnehmen lässt: Diversität ist für Kulturinstitutionen ein Gewinn – immer ein demokratisch-menschenrechtlicher, aber fast immer auch ein ästhetischer.