„The Struggle is Material”

Temye Tesfu

„The Struggle is Material”

 

Am Anfang fehlt der Strom. Ein gutes Dutzend Interessierter hat sich für den Workshop „Zugänge schaffen“ in einem Seminarraum im Podewil eingefunden und wartet darauf, dass der Techniker das Verteilerproblem behebt. Als die Power-Point-Präsentation endlich läuft, beginnt Joshua Kwesi Aikins seinen Vortrag. Der Co-Autor des Gutachtens „Handlungsoptionen zur Diversifizierung des Berliner Kultursektors“ spricht routiniert, mit ruhiger Stimme, Folie für Folie. Ihm gegenüber sitzt ein Auditorium aus Vertreter_innen von Kulturverwaltung und -institutionen, aus Kunstschaffenden und Studierenden und hört aufmerksam zu. Begonnen haben wird er mit der Frage, was wir vom Feminismus lernen können.

 

Eine Mittagspause später, in einem anderen Raum. Jana_Lou Herbst sitzt mit ihren Teilnehmenden in einem Stuhlkreis in einer Mini-Ausstellung: an einer der Wände ist eine Chronik des intersektionalen Feminismus angebracht, angefangen bei der indischen Dichterin SavitribaiPhule (*1831), über die Stonewall-Proteste (1969), bis hin zum Combahee River Collective (1980) und dem Schabbeskreis in Deutschland (1984). Im hinteren Teil hängen an einer Wäscheleine Zitate und Tweets bekannter Polit-Protagonistinnen wie AudreLorde, Angela Davis et aliae. „Keine Diversifizierung ohne Intersektionalität“ lautet die These, die hier in klassischer Workshop-Manier bearbeitet wird – Kurzinputs, Diskussionen und Kleingruppenarbeit.

 

Die Trainerin* aus der politischen Bildungsarbeit und der Referent aus der Politikwissenschaft haben verschiedene Ansätze zur selben Frage. Wie schafft man Vielfalt in der Kultur? Man könnte weiterfragen: was ist damit überhaupt gemeint?

 

Aikins geht es zuvorderst um die Diversifizierung der Strukturen. Wenn er von Zugängen spricht, meint er einerseits den Zugang von Menschen of Color zu Führungspositionen in den Institutionen und andererseits den Zugang zu Fördermitteln. Aus diesen einflussreichen Positionen heraus, mit genügend Geldern ausgestattet, könne dann umgekrempelt werden, was bislang falsch läuft. Und was so alles falsch läuft, wird anschaulich, als sich eine Teilnehmerin zu Wort meldet. Sie ist auf eigene Kosten nach Berlin gekommen, um an dieser Tagung teilzunehmen und besetzt eine Projektstelle für Diversity in einem Museum, wo sie so gut wie isoliert vom restlichen Betrieb vor sich hin arbeitet.

 

Es ist kein Geheimnis, dass das Gros der Kulturhäuser hauptsächlich Imagepflege betreibt. Befristete Stellen werden geschaffen, professionelle Gruppenfotos auf Webseiten und Flyern sehen so multikulturell aus wie die Besetzung der Zeichentrickserie Captain Planet. Natürlich ist man weltoffen und international und ein Herz für Geflüchtete hat man auch. „Integration“? Eine Frage der Wohltätigkeit. Eine Debatte darüber, wer im Hintergrund die Entscheidungen fällt, ist also allemal berechtigt. Beim Staatsballett etwa hat die Hälfte der Führungsriege einen Migrationshintergrund. Davon wiederum sind viele aus dem Ausland und Plot-Twist: alle weiß. Der Themenkomplex Vielfalt und Rassismus wird hierzulande eben immer noch bevorzugt im Rahmen eines Staatsbürgerschaftsdiskurses diskutiert, was die zur Verfügung stehenden Zahlen alles andere als zuverlässig macht. Erfasst wird nur der Migrationshintergrund und auch der nur bis in die zweite Generation. Ab der dritten existieren Schwarze und andere Nicht-Weiße qua Datenmaterial gar nicht.

 

Einführungsseminar Statistik hin oder her: es gibt ein krasses Missverhältnis zwischen dem Deutschland auf der Straße und jenem in den Theatern. Das betrifft das Personal, die Themen, die auf der Bühne verhandelt werden und die Menschen, die zwischen den Szenen in kollektives Husten ausbrechen. Kurz gesagt: hochkulturell ist eine Chiffre für weiß und bildungsbürgerlich. Dem ist mit PR und Projektkosmetik nicht beizukommen. Diversität ist, wie Jana_Lou Herbst später sagen wird, ein Prozess „und kein Crashkurs“. Nur ist das Sprechen über diesen Prozess nicht selten entsetzlich eindimensional. Erinnert sei an dieser Stelle an Roland Emmerichs Stonewall-Verfilmung, welche die Proteste als die Geschichte eines weißen Cis-Mannes nacherzählt. Dass Menschen wie die Schwarze Transfrau Marsha P. Johnson maßgeblich beteiligt waren, ist nebensächlich. Mehr als Schwulsein wollte Emmerich den Kinogänger_innen wohl nicht zumuten.

 

Hierarchien überlagern sich aber, wie Herbst betont, und das Stichwort Mehrfachdiskriminierung will sie um seine Kehrseite ergänzt wissen. Mehrfach-Privilegierung. Ein simples, fast banales Anliegen, und ein doch so grundlegendes! Zu oft geht es in aktivistischen Kreisen darum, einander in  Sachen Benachteiligung zu übertrumpfen, zu oft bleibt check yourprivilege nicht mehr als eine ritualhafte Forderung an andere. #OppressionOlympics, #Prangerkultur, #DiskrimierungDasSindDieAnderen. Denkbar nüchtern überprüfen die Teilnehmenden alsdann ihre Privilegien – anhand eines Fragebogens. Die Notwendigkeit der Mahnung, über die eigene Stellung nachzudenken, ist den Gesichtern geradezu anzusehen: die meisten sind überrascht, wie gut sie dastehen. „There is no thing as a single-issue struggle because we do not live single-issue lives.“, ist das passende Audre-Lorde-Zitat, mitdem Herbst die Werkstattabschließt.

 

Aber wie diesen Kampf führen? Aikins’ Strategie besteht darin, die Verwaltung darum zu ersuchen, die nötigen Gelder rauszurücken und die Häuser in die Pflicht zu nehmen, ihre Stellen weniger monoton zu besetzen. So weit, so Marsch-durch-die-Institutionen. Zwei Argumente führt er dabei ins Feld. Wirtschaftspotenziale und Menschenrechte. Inwieweit der Appell an den Geschäftssinn auf fruchtbaren Boden fallen kann, sei dahingestellt; aber noch fragwürdiger ist der Appell an die Menschlichkeit, mit der Begründung, Deutschland habe das „Internationale Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form von rassistischer Diskriminierung“ (ICERD) unterzeichnet.

 

Man muss den Humanismus jetzt nicht gleich, wie Foucault, für eine rein machtstrategische Ideologie halten, oder ihn, wie Baldwin, zur Heuchelei des Westens erklären, den die Realität der Lüge bezichtigt. Dennoch: Gesetzestexte sind nur so viel wert wie ihre gottverdammte Praxis. Die Konvention ist seit 1969 in Kraft. Das Grundgesetz seit 1949. Wir schreiben das Jahr 2017. Das lässt nur zwei Schlüsse zu: a) Rassismus ist so widerständig, dass er uns noch alle überleben wird oder b) das Problem ist seit jeher immanent. Ich tippe auf Letzteres. George all menarecreatedequal Washington war nicht aus Versehen stolzer Besitzer von über 300 Menschen.

 

Weiße Dominanz, das Patriarchat und all die anderen Ideologien sind nun mal das Produkt tatsächlicher Machtverhältnisse und es sind allen voran die ökonomischen Verhältnisse, die immer neue Ideologien schaffen, wo es sie braucht. Wir kennen den Kolonialrassimus; die Gastarbeiter-Ära hat einen antimigrantischen Rassismus hervorgebracht; der Krieg gegen den Terror hat uns die heutige Islamophobie beschert (man könnte auch sagen: immerhin ist Rassismus schön divers). Daher nimmt es nicht Wunder, wenn Gesetze verschriftlichte Lippenbekenntnisse bleiben und daher kann es nicht reichen die Strukturen, die selbst ein Ausdruck dieser Verhältnisse sind, inklusiver zu gestalten. Ich will nicht mehr Angebote für unterprivilegierte Kinder, sondern keine unterprivilegierten Kinder.

 

Gegen Ende des Vortrages erscheint an der Wand ein Cartoon, der Chancengleichheit und -gerechtigkeit gegenüberstellt: im ersten Panel sehen wir drei Personen unterschiedlicher Größe, jede steht auf einer Kiste, aber nur die ersten beiden können über den Lattenzaun sehen und das Baseball-Match verfolgen, das sich dahinter abspielt. Im zweiten Panel sind die Kisten so verteilt, dass alle freie Sicht haben. Das Bild ist schon abermals und in verschiedenen Versionen geteilt worden. In einer weniger bekannten Variante gibt es noch ein drittes Panel: hier ist der Latten- durch einen Maschendrahtzaun ersetzt.

 

Das ist vielleicht auch, was wir vom Feminismus lernen können. Nämlich, dass System- und Selbstoptimierung nicht das Endgame sind. Dass es immer nur Mittel und niemals Zweck sein kann, die gläserne Decke zu durchbrechen. Dass es nicht, wie Laurie Penny sagt, zu wenig Frauen in den Chefetagen gibt, sondern zu viele Chefetagen. Wer Zugänge schaffen will, darf sich nicht darauf beschränken, andere Türsteher zu fordern. Ansonsten können wir bis zur nuklearen Apokalypse Kistenschieben spielen. Und dann wird uns der Rassismus wirklich noch alle überleben.