Wie Kunst die Asylpolitik verändern kann

Vanessa Ly:

Wie Kunst die Asylpolitik verändern kann

 

Hilft es auf der Bühne zu stehen, wenn nicht einmal die Entscheidung über den eigenen Aufenthalt steht? Und wie können Künstler*innen gerecht bezahlt werden, wenn ihre Möglichkeiten zur Erwerbstätigkeit durch die Ausländerbehörde begrenzt werden? Über die Chancen und Grenzen der Kunst vor dem Hintergrund der Asylpolitik wurde am ersten Abend mit erfahrenen Kunstschaffenden diskutiert.

„Ist es unangemessen ein Theaterprojekt mit Geflüchteten zu machen, wenn Sie doch hier unter unverhältnismäßigen Bedingungen leben müssen“, fragt Moderatorin Marwa „oder kann ein Theaterprojekt Geflüchteten sogar Kraft geben?“ – „Das kommt ganz auf die Absicht an“, so Sandra Selimovic. Die Wiener Regisseurin hat mit jungen Erwachsenen aus der Rom*nja Community das Theaterstück „BecomeFlüchting“ entwickelt. Darin geht es um die rassistische Abschiebepraxis durch die junge Deutsche Rom*nja im Kosovo abgesetzt werden, einem ihnen fremden Land. Selimovic ist sich der prekären Situation bewusst: „In der Situation als Geflüchte*rist Theater Luxus.“ Die Arbeit mit ihnensei mit vielen Vorbereitungen verbunden: „Zu aller erst müssen wir für Ihre Grundbedürfnisse sorgen. Das bedeutet, dass wir Ihnen Sprachkurse anbieten, Sozialarbeiter*innen und Jurist*innen sie begleiten – erst dann haben wir Bedingungen geschaffen, damit Sie als Künstler*innen arbeiten können.“

Kunst als Zeichen für Widerstand

Samee Ullah jedenfalls hat es geholfen zu schauspielern. Denn während er im Lager in Spandau leben musste, hat er am Theaterprojekt „Do butterflies haveborders“ mitgewirkt. Ihn hat die Kunst empowert: „Ich kann das Schauspielern als Werkzeug nutzen, um das auszudrücken, was ich nicht sagen kann.“ Für ihn ist esnoch mehr eine Form politischen Widerstands: „Ich nutze die Bühne, um Gleichberechtigung und Solidarität einzufordern.“ Ullah, nun Projektleiter der selbstorganisierten CommUnityCarnival Gruppe, fügt hinzu: „Wir leisten Widerstand durch unsere Theaterarbeit und können daraus wieder Kraft schöpfen. Resistance is power – and art is a form of resistance.”Mit diesem Ansatz arbeitet auch Mohammed Kello, einer der Mitglieder des Ensembles Club Al-Hakawati. Diese selbstorganisierte Theatergruppe erhebt Ihre Stimme gegen Unterdrückung und jeder Form von Diskriminierung. Sie erzählt Geschichten, die sonst ungehört bleiben. Beide Schauspieler, Mohammed und Samee, sind sich darin einig, dass sie kein Mitleid brauchen.Dabei zitiertKelloaus dem Manifest seines Theaters: „Weencourageempathy but don’tacceptpity.“Deshalb fühlt er sich – so wie auch viele andere Betroffene – mit dem Label Refugee gebrandmarkt. Der Schauspieler ist es Leid auf seinen Aufenthaltsstatus reduziert zu werden: „I am not a refugee, I am not a crisis – I am a human being!“

Die kranke Finanzierungslogik des Kultursektors

Mehr als Problem gesehen und zum Objekt gemacht werden, das kennt auch Ferdos Mirabadi. Siehat es jedoch geschafft in ihrem Verein kargah e.V. einen Raum zu schaffen, indem verschiedene Communities ihre Erfahrungen austauschen können. Die Vereinsarbeit war dabei aber immer von der sogenannten Projektitis befallen. Denn der Verein muss ohne strukturelle Förderung auskomme und so überlebt er nur mit Projektgeldern.„Aufgrund der erschwerten Förderbedingungen, können wir nicht dauerhaft Kulturprojekte anbieten“, so Mirabadi, „andererseits sind wir finanziell auch abhängig von diesen Geldern, die dann leider nicht mehr fließen, sobald die Projekte beendet sind.“ Auf Dauer kann das aber keine Lösung sein, erst recht nicht im Kunst- und Kultursektor. Ahmed Shah, Mitbegründer des Theater X, einem Theater wo Jugendliche selbst Regie führen, veranschaulicht die Ursache des Problems: „Große Häuser wie das Deutsche Theater oder das Schiller Theater werden ordentlich bezuschusst. Sie müssen sich keine Sorgen um die Finanzierung machen, während wir ständig für unseren Erhalt kämpfen und nach Förderungsmöglichkeiten suchen müssen.“ Es braucht daher einerseits eine Umverteilung und Umstrukturierung der Gelder aller Kulturinstitutionen. Zum anderen müssen sich die großen etablierten Theaterhäuser für Kunstschaffende of Color und migrantische Künstler*innen öffnen. „Big theaters should open their doors to refugees”, so Ullah, “we should be given the opportunity to do our work – be it as directors, actors, sound engineers or costume designers.”Außer dem Maxim Gorki Theater gab es noch keine vergleichbare Veränderung der großen Theaterhäuser. Und so bleibt die Initiative zur Umsetzung rassismuskritischer Kunst bei selbstorganisierten Gruppen – die Veränderung kommt von unten.

Arbeitsmöglichkeiten ergeben sich in Abhängigkeit vom Aufenthaltsstatus

Der knappeFinanzierungsrahmen grenzt die Möglichkeiten zur dauerhaften Beschäftigung von talentierten Künstle*innen, die nach Deutschland flüchten, zusätzlich stark ein. Denn für einige von ihnen besteht rechtlich gar nicht die Möglichkeit freiberuflich als Künstler*in arbeiten zu können.Nina Hager, Referentin für Rechtspolitik in der Bundesweiten Arbeitsgemeinschaft der psychosozialen Zentren für Flüchtlinge[1] und Folteropfer (BAfF), klärte die Tagungsteilnehmenden über Beschäftigungsverhältnisse von Geflüchteten auf. Die Institutionalisierung einer rassistischen Hierarchie von Geflüchteten zeigt sich hier besonders deutlich. Laut §61 Abs 2 S. 4 AsylG gilt nämlich ein generelles Arbeitsverbot für Asylsuchende aus sogenannten sicheren Herkunftsstaaten. Unter bestimmten Bedingungen jedoch können sie eine Beschäftigung ausüben. Für alle anderen Asylsuchendengilt eine Beschäftigungserlaubnis, wenn sie die Vorrangprüfung und Beschäftigungsbedingungsprüfung in der Bundesagentur für Arbeit durchlaufen haben. Anerkannte Flüchtlinge hingegen dürfen nicht nur beschäftigt werden, sondern auch eine selbstständige Tätigkeit (zum Beispiel als Künstler*in) ausüben. Die genauen Bestimmungen zu Arbeitsverhältnissen sollten aber im Einzelfall überprüft werden. Im Allgemeinen sind diese in den Nebenbestimmungen auf dem Pass einsehbar.

Zeit für herrschaftskritische Kunst!

Kunst kann also nur begrenzt Veränderungen in der Asylpolitik bewirken. Wenn Menschen nämlich aus eigener Erfahrung ihre Erlebnisse im Theater zum Ausdruck bringen, wandeln sie den politischen Diskurs in eine selbstbestimmende Richtung.„Die Kunst kann keine bürokratischen Probleme lösen“, sagt Ullah, „aber sie gibt mir ein Stück mehr Selbstbestimmung, die mir sonst als Flüchtling genommen wurde.“ Andersherum scheint Asylpolitik also mehr Einfluss auf Kunst zu haben. Daher fordert Mirabadi: „Wir brauchen eine gemeinsame Protestbewegung!“ “Wir brauchen eine Veränderung und die muss von unten kommen, aus der Subkultur!“erwidertShah.Selimovic fügt hinzu: „Wir brauchen gemeinsame Berührungspunkte!“ Sie fordert eine Durchbrechung der Hierarchien: „Wir sollten das Theater nicht der oberen Klasse überlassen.Wir müssen es als Sprachrohr nutzen und Selbstorganisation ermöglichen. Das Theater kann uns als Türöffner dienen, um eine breite Masse anzusprechen.“ Es braucht also eine herrschaftskritische Kunst mit Mut zur Veränderung – diesen haben vor allem die Podiumsgäste mit ihrer Arbeit bewiesen.

[1] Flüchtling wird hier als juristischer Begriff verwendet.